Wo das Fitness-Studio zum Job-Alltag gehört

Plaudern ist bei Rose Plastic ausdrücklich erwünscht. Diese Mitarbeiterinnen der Sortiererei verbringen ihre Pausen bevorzugt im „Plauderstüble“. Bild: Matthias Becker
Wo das Fitness-Studio zum Job-Alltag gehört
Unternehmer Peter Rösler über seine Art, Mitarbeiter zu fördern
Augsburg/Hergensweiler
Die Globalisierung rüttelt am Stellenwert von Arbeitnehmern. In vielen Firmen lautet die Devise: Läuft das Geschäft schlecht, sind Jobs in Gefahr. Läuft es gut, sollen die Beschäftigten Verzicht üben, weil es bald wieder schlechter laufen könnte. Peter Rösler (62), Chef des Kunststoff-Verpackungsherstellers rose plastic in Hergensweiler bei Lindau, hat einen eigenen Weg für sich und seine Mitarbeiter gefunden. Er fordert viel – auch Verzicht. Aber gleichermaßen gibt er der Belegschaft erstaunlich viel Freiraum.
Frage: Waren Sie heute schon im firmeneigenen Fitness-Studio?
Rösler: Ja, war ich. Sport mache ich allerdings immer zwischen 7 und 8 Uhr in meinem kleinen Fitness-Studio zu Hause.
Frage: Warum brauchen Sie dann eines in der Firma?
Rösler: Die Mitarbeiter nutzen es intensiv. Wir bieten Thai-Chi-Kurse, Aerobic, Rückenschulen, haben Spinningräder und zwölf Fitness-Geräte.
Frage: Wann dürfen die Mitarbeiter rein?
Rösler: Sie müssen vorher einen Grundkurs belegt haben, den ein Kollege aus der Produktion anbietet. Er hat spezielle Trainerscheine. Und wer den Kurs gemacht hat, erhält einen Schlüssel und kann sieben Tage in der Woche rund um die Uhr rein. Viele machen das vor oder nach der Schicht oder am Samstag. Auch die Partner der Mitarbeiter dürfen für 50 Euro im Jahr mittrainieren.
Frage: Warum bieten Sie so etwas an?
Rösler: Natürlich geht es um die Gesundheit der Mitarbeiter. Aber wir haben auch festgestellt, dass die Kommunikation untereinander wichtig ist. Da ist das gemeinsame Schwitzen sehr hilfreich. Man unterhält sich danach viel anders, wenn man
sich in der Arbeitssituation wieder begegnet.
Frage: Und doch leben wir im Zeitalter der Globalisierung. Viele Firmen verlangen von ihren Mitarbeitern Zugeständnisse, beim Lohn etwa oder der Arbeitszeit, mit dem Argument, nur so im Wettbewerb bestehen zukönnen. Gehen Sie einen anderen Weg?
Rösler: Ja, das tun wir. Natürlich stehen auch wir im Wettbewerb und müssen Kosten sparen. Auch hier werden wieder 40 Stunden gearbeitet, weil wir sonst die Aufträge nicht abarbeiten könnten. Aber wir denken weiter. Ein Fitness-Studio, eine schöne Kantine oder ein tolles Weihnachtsfest sind keine Kostenfaktoren, die man einsparen muss. Im Gegenteil: Was man dort reinsteckt, bekommt man doppelt und dreifach wieder heraus – weil wir es damit schaffen, die Mitarbeiter richtig zu motivieren. Und dies bedeutet, dass die Leute sich noch mehr reinhängen, dazulernen und sich sagen: Das muss noch besser werden. Genau das schafft mehr Wachstum. Ich habe schon vor 20 Jahren das Motto ausgegeben: Wer aufhört, besser sein zu wollen, hört auf, gut zu sein. Wenn wir das beherzigen, dannkönnen wir auch unsere Arbeitsplätze halten.
Frage: Aber mit einem Fitness-Studio allein ist es nicht getan.
Rösler: Nein, die Motivation kommt vor allem aus den Strukturen heraus, wie wir arbeiten. Die Mitarbeiter sind in Gruppen organisiert, die sich eigene Ziele setzen und Verbesserungsvorschläge erarbeiten. Dort kommt jeder zu Wort, jeder kann sich beteiligen. Das hat sich über zehn Jahre hervorragend bewährt. Auch deshalb sind wir so erfolgreich. Wir honorieren das, indem wir Geld in die Gruppenkassen einzahlen. Jede Gruppe hat am Ende des Jahres etwa 2000 oder 3000 Euro in ihrer Kasse und macht dann entweder eine Reise oder geht schön essen. Ein funktionierendes Betriebsklima hilft übrigens ungemein, gute Fachkräfte hierher zu locken. Das spricht sich rum. Wir haben stapelweise Bewerbungen im Haus.
Frage: Und welche Rolle spielt der Chef?
Rösler: Er muss vor allem zuhören können. Das ist das Entscheidende.
Frage: Der Leiter der Bayerischen Elite-Akademie, Prof. Dieter Frey, sagt: Wir haben in Deutschland vor allem ein Führungsproblem. Teilen Sie diese Ansicht?
Rösler: Ja, das ist so. Wer unseren Weg geht, braucht eine andere Philosophie, neue Ideen, nicht nur bei Produkten. In diesem Punkt hat ein Unternehmer eine wichtige Vorbildfunktion. Die Mitarbeiter sollen wissen: Der Rösler steht hinter uns.
Frage: Gilt das auch für den Betriebsrat?
Rösler: Wir haben einen Betriebsrat, der offiziell gewählt ist. Aber dadurch, dass die Gruppen ihre Probleme meist untereinander klären, hat er kaum etwas zu tun.
Frage: Werden Sie für Ihren Weg von Unternehmer-Kollegen auch mal belächelt?
Rösler: Natürlich gibt es das. Aber ein Unternehmer sollte nicht warten, bis ihm das Wasser bis zum Hals steht und erst dann überlegen: Was kann ich jetzt tun? Dann ist es nämlich zu spät. Ich muss dann die Strukturen für die Zukunft vorbereiten, wenn es gut läuft, dann habe ich auch die Zeit dafür.
Frage: Kann man solche Strukturen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten halten?
Rösler: Es kostet doch nichts, mit den Mitarbeitern gut umzugehen. Sollten wir wieder in eine Flaute geraten, dann wissen die Mitarbeiter, dass sie für eine gewisse Zeit den Gürtel eben enger schnallen müssen. Die würden sofort mitziehen.
Interview: Andreas Frei
Wortweiser rose plastic
Die Firma rose plastic ist ein mittelständisches Familienunternehmen, das sich auf Spezialverpackungen aus Kunststoff konzentriert hat und hier zu den Weltmarktführern gehört. Wichtigster Bereich sind Verpackungen für Werkzeuge. Die Firma beschäftigte vor fünf Jahren weltweit noch rund 350 Mitarbeiter – jetzt sind es bereits etwa 650, davon 350 am Stammsitz Hergensweiler bei Lindau. Hier befindet sich neben einer Fertigung auch das Design- und Entwicklungszentrum. Weitere Produktionsstätten liegen in den USA, China und Brasilien. Der Umsatz betrug im vergangenen Jahr rund 58 Millionen Euro. Das ist ein Plus von etwa 13 Prozent gegenüber 2005. Für dieses Jahr peilt rose plastic 65 Millionen Euro an. Das Unternehmen ist mehrfach für seine außergewöhnlichen Mitarbeitermodelle mit renommierten Preisen ausgezeichnet worden. Geschäftsführender Gesellschafter ist der 62-jährige gebürtige Berliner Peter Rösler.
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